Zwischen Europa, Demokratie und Kochen

Europa oder "Das Essen wird einem vorgesetzt, solange man nicht selber kocht"

 "Wer von Euch war schon im europäischen Ausland und wer wurde dabei an den Ländergrenzen kontrolliert?", wollte Jakob von Weizsäcker am Freitag von den Schülern der 11. Klassen des Beruflichen Gymnasiums wissen.

Er ist einer von drei Abgeordneten des Europäischen Parlamentes für Thüringen und befand sich auf Stippvisite in seinem Wahlkreis.

Seine Eingangsfrage wies die Schüler auf die mit der Europäischen Union verbundenen Freiheiten hin. Der sich anschließende kurze historische Exkurs begann mit der Idee von Jean Monnet in der Umsetzung als "deutsch-französische Lokomotive" und reichte bis zu den heutigen Projekten, wie Erasmus, Abschaffung der Roaminggebühren und der Diskussion um ein Interrail-Ticket zum 18. Geburtstag für jeden EU-Bürger. Schnell wurden die überragenden Vorteile der Europäischen Einigung sichtbar. Neben der Reisefreiheit stellte Jakob von Weizsäcker die Friedenssicherung nach dem II. Weltkrieg, die Beilegung der Erbfeindschaft zwischen Frankreich und Deutschland sowie die entstandene gemeinsame Wirtschaftsmacht von 500 Millionen Menschen gegenüber den Märkten von Amerika oder China als Vorzüge dar. Dieses absolut positive Bild wurde von ihm mit den Problemen der EU in Form von Euro- und Flüchtlingskrise sowie Brexit komplettiert.

Jetzt bestand für die Schüler die Möglichkeit, ihre vielfältigen Fragen zu stellen. Dabei wurde deutlich, dass die Europäische Union positiv, fast schon als notwendig und doch kritisch gesehen wird. Lukas Götze stellte fest, dass junge Menschen in Politik und Gesellschaft unterrepräsentiert sind und deshalb politische Entscheidungen häufig nur an den Interessen der älteren Menschen festgemacht werden. Wie kann die EU dieser Entwicklung entgegen wirken? Jakob von Weizsäcker verwies auf die Notwendigkeit des politischen Engagements der jungen Generation mit dem sprachlichen Bild: "Das Essen wird einem vorgesetzt, solange man nicht selber kocht." Aber basiert Demokratie nicht auf Mehrheitsbildung?

Die Frage von Katja Sophie Mitterreiter nach einer möglichen deeskalierenden Einwirkung Europas auf den Konflikt zwischen den USA und Nordkorea beantwortete Herr von Weizsäcker mit dem Hinweis, dass die EU nur ein militärischer Zwerg mit kleiner Macht sei.

Er wünscht sich einen echten europäischen Grenzschutz, auch mit dem Nachteil der Souveränitätseinschränkung sowie gerechtere gemeinsame Finanzierungen, zum Beispiel zur Lösung der Flüchtlingsfrage. Jakob von Weizsäcker warnt vor Protestwahl, vor der oberflächlichen Nutzung von social media und vor Entscheidungen, die zwar kurzfristig positiv für einzelne Personen wirken, längerfristig die Gesellschaft aber vor neue Probleme stellen.

Diese Gesprächsrunde mit dem Abgeordneten des Europäischen Parlamentes bot noch in den folgenden Unterrichtsstunden Anregungen für Diskussionen.